Vlothoer Zeitung 13.11.2018

Sinneswandel im Bildungsbürgertum
Thomas Gräfe hat über historische Umfragen zum Judentum geforscht

Vlotho. Die Frage der Volkszugehörigkeit der Juden wurde um die Wende ins 20. Jahrhundert und in den drei folgenden Jahrzehnten unterschiedlich beantwortet. Das dokumentieren Umfragen über Judentum und Antisemitismus aus den Jahren 1885 bis 1932. Historiker Thomas Gräfe hat in einer wissenschaftlichen Arbeit zu den damaligen Umfragen zum Thema "Was halten Sie von den Juden?" recherchiert.
Diese Arbeitsergebnisse hat er jetzt bei der Mendel-Grundmann-Gesellschaft (MGG) vorgetragen. Thomas Gräfe wohnt seit 2017 in Vlotho und ist als Nachfolger von Manfred Kluge Beisitzer im Vorstand der Mendel-Grundmann-Gesellschaft. Er hat als freier Historiker in Forschungsprojekten der TU Dresden und der TU Berlin zur Geschichte des Antisemitismus gearbeitet. Als einen großen Gewinn für die Mendel-Grundmann-Gesellschaft bezeichnete ihn Vorsitzender Ralf Steiner in seiner Begrüßung zu Beginn der Veranstaltung im St. Johannis-Gemeindehaus. In akribischer Fleißarbeit hatte Thomas Gräfe acht umfangreiche Intellektuellenbefragungen, die zu den Themen "Judentum und Antisemitismus in den Jahren 1885 bis 1932" von deutschen und österreichischen Journalisten durchgeführt worden waren, unter die Lupe genommen. Für ein möglichst repräsentatives Meinungsbild wurden damals prominente Christen und Juden, Konservative, Liberale und Sozialisten befragt. Gräfe: "Ab 1893 wurden dann auch Frauen in die Befragung miteinbezogen."
Diese Quellen zeigten, so Gräfe, wie sich im gebildeten Bürgertum ein Gesinnungswandel in der Zeit zwischen Kaiserreich und Weimarer Republik in Bezug auf den Antisemitismus sowie die Vorstellungen vom Zusammenleben von Mehrheiten und Minderheiten vollzogen habe. Die Antworten bewegten sich zwischen Theorien von Assimilation, über eine positive Sicht des ethnischen Pluralismus bis hin zu unversöhnlichen Meinungsäußerungen in der Weimarer Republik. Sei bis etwas 1900 - nach den Vorstellungen der Befragten - die Integration durch Assimilation zu erreichen, so habe sich die Einstellung mit dem Erstarken von Zionismus und völkischem Nationalismus verändert. Assimilation bedeutete, die Juden zu "nützlichen Staatsbürgern" erziehen. Ziel war es, das Judentum im Staat aufgehen zu lassen. Jüdisches Brauchtum und die Volkseigentümlichkeiten sollten dafür aufgegeben werden. Dass die Juden trotz aller Integrationsbemühungen bis zur Selbstaufgabe immer noch als Fremde angesehen würden, sei dabei aber eine berechtigte Befürchtung der Assimilationsbefürworter geblieben. Ethnopluralistische Konzepte des Zusammenlebens gewährten den Juden zwar ein Mehr an kultureller Eigenständigkeit, hatten aber die verheerende Nebenwirkung, dass sie nicht mehr als Deutsche angesehen wurden, die man gegen Anfeindungen verteidigen müsse, so Gräfe. Elitäre Kreise der in der Weimarer Republik befragten hätten die Assimilation überwiegend für einen Irrweg gehalten, nachdem völkische Rassenlehren weiter Zulauf gewonnen hätten. Habe der Schriftsteller Thomas Mann in den Juden noch eine kulturelle Belebung gesehen, so seien sie dann von den Antisemiten "als Rasse, die als Schmarotzer im Volk lebt", verunglimpft worden.

Giesela Schwarze, Vlothoer Zeitung 13.11.2018



Handbuch des Antisemitismus, Bd.2/1 (2009)

Werner Bergmann, Max Bewer, in: Wolfgang Benz (Hg.), Handbuch des Antisemitismus, Bd.2/1, Berlin 2009, S. 81f.

Zwischen 1892 und 1901 schrieb Bewer (anonym) für die in loser Folge im Glöß Verlag mit großem Erfolg erscheinende Karikaturenserie "Politische Bilderbogen" die Begleittexte, in denen er sich aller Facetten der zeitgenössischen judenfeindlichen Stereotype bediente. (...) Szenarien von jüdischer Überfremdung und deutscher Knechtschaft kombinierte er mit Vertreibungs- und Vernichtungsphantasien. Im Unterschied zu den meisten zeitgenössischen Antisemiten findet sich bei ihm nach Thomas Gräfe auch eine "offene Propagierung politischer Gewalt gegen Juden".



Eder, Georg Ratzingers Haltung zum Judentum

Manfred Eder, "Ich habe gar keine Abneigung gegen die Juden als solche". Georg Ratzingers Haltung zum Judentum, in: Johann Kirchinger/ Ernst Schütz (Hg.), Georg Ratzinger (1844- 1899). Ein Leben zwischen Politik, Geschichte und Seelsorge, Regensburg 2008, S. 224.

Dass es sich bei der katholischen und der evangelischen Form um zwei strikt getrennte Ausprägungen des Antisemitismus handelt, behauptet Blaschke, vermag es aber nicht plausibel zu machen. Daher ist Gräfe zuzustimmen: Man sollte nicht länger von einem spezifisch katholischen und einem spezifisch protestantischen Antisemitismus sprechen, sondern von einem christlich- konservativen Antisemitismus, der sich wiederum in eine katholische und eine protestantische Variante unterteilen lässt, die sich aber nur in Nuancen unterschieden.

LBIYB 53 (2008)

Leo Baeck Institute Year Book 53 (2008), S. 336.
über "Antisemitismus in Gesellschaft und Karikatur"


(...) On antisemitism in Imperial Germany, the Dresden publisher Glöß and his antisemitic publication, incl. Hermann Ahlwardt, Julius Langbehn, Max Bewer.

Liepach u.a. (Hg.), Jewish Images in the Media

Michaela Haibl, Sichtbarkeit und Wirkung. "Jüdische" Visiotype in humoristischen Zeitschriften des späten 19. Jahrhunderts, in: Martin Liepach u.a. (Hg.), Jewish Images in the Media, Wien 2007, S. 81.
über "Antisemitismus in Gesellschaft und Karikatur"



Thomas Gräfe betont zu Recht die Wichtigkeit sozioökonomischer Erklärungsmodelle für den Antisemitismus des späten 19. Jahrhunderts. Der Blick auf Judendarstellungen der Zeit bestätigt, dass ein sozioökonomischer Antisemitismus bestand. Ähnlich wie bei den Bildern klafft da der Graben zwischen den antisemitischen Vorwürfen (Profitgier, Reichtum und Machtanspruch als gängige Stereotypen für "die Juden") und der davon abweichenden Wirklichkeit der jüdischen Bevölkerung.

buchrezension.eu

Rezension zu Antisemitismus in Deutschland 1815- 1918 (K. Bernhardt für Buchrezension.eu, Feb. 2008)

(...) Obwohl zuweilen holzschnittartig, ist der "theoretische" Teil des Buchs geradezu ein Fest für Studenten und Historiker, die sich zeitsparend ins Thema einarbeiten wollen. Die Fülle bewältigter Literatur, die kompetente Aufarbeitung von Forschungsständen und die verständliche Erörterung theoretisch- methodischer Fragen sind in dieser Qualität und Kompaktheit nirgendwo anders zu finden. (...) Wer sich nicht nur für historische Fakten zum Thema Antisemitismus interessiert, sondern sich auch über den Stand des wissenschaftlichen Diskurses informieren will, ist hier an der richtigen Adresse.

http://www.buchrezension.eu/

shoa.de, Dez. 2007

Neue Gesamtdarstellungen zur Geschichte des Antisemitismus (T. Wanner für shoa.de, Dez. 2007)

(...) Will man nicht zu den voluminösen Werken Zumbinis und Pulzers greifen und dennoch etwas über aktuelle Forschungstendenzen erfahren, wird man von den meisten kleineren Überblicksdarstellungen zur Geschichte des Antisemitismus, z.B. von Werner Bergmann und Armin Pfahl- Traughber, enttäuscht. Die Arbeit von Thomas Gräfe füllt diese Lücke, denn sie ist konsequent als Einführung in die historische Antisemitismusforschung zum 19. Jahrhundert konzipiert. Hierzu bietet das Buch Rezensionen aktueller Monographien, einen umfangreichen Forschungsüberblick und eine über 500 Titel umfassende Bibliographie. Kapitel zum Theorieangebot der Nachbarwissenschaften (Psychologie und Soziologie) und zur Historiographiegeschichte ermöglichen es dem Leser, die vom Autor vorgestellten Forschungsergebnisse in den Gesamtzusammenhang des wissenschaftlichen Diskurses einzuordnen. Besonders überzeugend ist die Darlegung des Wandels der Geschichtsschreibung zum Antisemitismus im Dreischritt Politik- und Ideengeschichte – Sozialgeschichte – "neue Kulturgeschichte" und die Offenlegung der Stärken und Schwächen dieser "historischen Denkstile". Auch bemüht sich der Autor, Ordnung in die Vielfalt konkurrierender Antisemitismusbegriffe und Periodisierungen zu bringen, - eine Aufgabe, vor der sich die meisten anderen Überblicksdarstellungen gedrückt haben. In diesem Zusammenhang tritt besonders die Kontinuitätsfrage in den Vordergrund, die Gräfe, im Unterschied zu Zumbini und Pulzer, in die andere zeitliche Richtung stellt. Er übt Kritik an nach wie vor populären Ansätzen, die den modernen Antisemitismus als Fortsetzung eines "ewigen Judenhasses" seit dem frühen Mittelalter deuten. Formen der Judenfeindlichkeit in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts, bei denen es um die rechtliche und soziale Stellung der Juden innerhalb der Mehrheitsgesellschaft ging, konnten dagegen durchaus eine Fortsetzung im nachemanzipatorischen Antisemitismus finden. Folgerichtig wendet sich der Autor dagegen, den modernen Antisemitismus mit dem Rassenantisemitismus gleichzusetzen. Ein "wissenschaftlicher Rassismus" sei selbst in der Wilhelminischen Zeit nicht typisch für die Behandlung der "Judenfrage" gewesen. Viel gelesene Weltanschauungsproduzenten wie Paul de Lagarde, Julius Langbehn und Houston Stewart Chamberlain verdankten ihren Erfolg nicht einem strengen Biologismus, sondern der kulturalistischen Verdünnung des Rassegedankens. Auch die Judenfeindlichkeit in den christlichen Konfessionen gelte es stärker zu gewichten. Sie sei weder mit dem alten Antijudaismus, noch mit dem neuen Rassenantisemitismus identisch gewesen, sondern als eine eigene Spielart des modernen Antisemitismus zu verstehen. An Hand der Studien Olaf Blaschkes und Wolfgang Heinrichs zeigt der Autor, dass konservative Christen in ihrer Auseinandersetzung mit Entkirchlichungs- bzw. Entchristlichungsprozessen das moderne Judentum als vermeintlichen Träger und Profiteur dieser Entwicklungen attackierten. Dabei wurde von katholischer und protestantischer Seite mit ähnlichen Feindbildern operiert. Eine neue Perspektive auf den modernen Antisemitismus liefern des Weiteren Fortschritte in der Geschichte des Bürgertums, in der deutsch- jüdischen Geschichte und im internationalen Vergleich mit anderen europäischen Ländern. Antisemitismus sei nicht auf eine abstrakte Ideologie zu reduzieren, die in keiner Verbindung zur Realexistenz der Juden stand. An neueren sozial- und kulturgeschichtlichen Arbeiten zeigt Gräfe, dass es in vielen Feldern sehr wohl um die gesellschaftliche Inklusion und Exklusion von Juden ging, z.B. im großstädtischen Raum oder im Bildungsbürgertum. Insgesamt gelingt es Gräfe, die eigenen Konturen des Antisemitismus des 19. Jahrhunderts scharf herauszuarbeiten, sowohl in Abgrenzung gegenüber vormodernen Formen der Judenfeindlichkeit, als auch gegenüber dem NS- Antisemitismus. Das konsequente Referieren von Forschungsergebnissen lässt allerdings den Quellenbezug zu kurz kommen. Als "Werkzeug für die weitere Forschung" wären Hinweise auf Quellenbestände hilfreich gewesen, die gerade für das 19. Jahrhundert häufig schwer zugänglich und über viele Archive und Bibliotheken in Deutschland, Israel und den USA verteilt sind. Zu bemängeln ist außerdem das Fehlen eines Orts-, Personen- und Sachregisters.

http://www.shoa.de/rezensionen


Sächsische Zeitung (Dresden) 21.6.07

Ein selig Lied und sein Autor

Max Bewer zeigte im politischen Disput im deutschen Kaiserreich eine unrühmliche Seite

Der Dichter und Schriftsteller Max Bewer, er lebte von 1861 bis 1921, der im Dresdner Stadtteil Laubegast lebte, ist heute nur noch wenigen Menschen bekannt. Ihnen gilt er zumeist als "Heimatdichter", dessen Werke den typischen kitschig- romantischen Stil des späten 19. Jahrhunderts atmen. Einige seiner Lieder und Gedichte, zum Beispiel das Laubegastlied, das alljährlich auf dem Inselfest gesungen wird, haben die Zeiten überdauert. Dasselbe gilt für Bewers Denkmal im Hain des Krematoriums Tolkewitz.
In Vergessenheit geraten ist hingegen, dass der vermeintliche Heimatdichter einer der radikalsten Vertreter der völkisch- antisemitischen Bewegung des späten Kaiserreichs war, die damals in Dresden und Leipzig ihre publizistischen Zentren hatte. Auch die Antisemitismusforschung hat Bewer bislang kaum wahrgenommen und seine Bedeutung unterschätzt.
Max Bewer wurde als Spross einer angesehenen rheinischen Künstlerfamilie in Düsseldorf geboren. Nach journalistischer Tätigkeit in Hamburg, ließ er sich 1890 als freier Schriftsteller in Laubegast nieder. Seine zahlreichen Lieder, Gedichte und politische Schriften sind Variationen von drei immer gleichen Themen: die Verehrung der deutschen Klassiker, die Glorifizierung des "Reichsgründers" Bismarck und der Judenhass.
Ein Großteil der Werke Max Bewers erschien im Dresdner Verlag F.W. Glöß. Einen traurigen Höhepunkt unter Bewers judenfeindlichen Schriften bildeten seine Beiträge für die Karikaturenserie Politische Bilderbogen (1891- 1901). Kaum ein Mythos, Vorurteil oder Feindbild über "die Juden" wurde in den Zeichnungen und Begleittexten ausgelassen. Über 100 Klagen zumeist von jüdischen Organisationen, aber auch von Reichskanzler Caprivi, erbrachten nur zwei Verurteilungen gegen Glöß zu geringfügigen Geldstrafen.

Sächsische Zeitung (Dresden) 21.6.07

buchrezension.org, Dez. 2005

Rezension Antisemitismus in Gesellschaft und Karikatur (von T. Zander, in buchrezension.org, Dez. 2005)

Das Buch untersucht eine antisemitische Karikaturenserie aus der Zeit des wilhelminischen Kaiserreichs, deren Primitivität und Radikalität an den „Stürmer“ erinnert. Kaum ein Mythos, Vorurteil oder Feindbild über „die Juden“ wird in den Zeichnungen und Begleittexten ausgelassen. Zwar handelt es sich bei den „Politischen Bilderbogen“ nicht um eine neu entdeckte Quelle, doch bietet diese Arbeit als erste eine vollständige Auswertung und historische Einordnung an.
Die Auswertung der Karikaturenserie fußt auf einem äußerst kundigen Überblick über die Entstehung und Entwicklung des Antisemitismus im Kaiserreich, sowie über die Forschungslage zu diesem Thema. In sozioökonomischen Statusängsten, christlich- religiösen Vorurteilen und völkisch- nationalistischen Purifikationsphantasien erkennt der Autor die drei Stützpfeiler antisemitischen Denkens. Auf ihnen fußen die Feindbildkonstruktionen, die nicht nur in den Schriften antisemitischer Theoretiker, sondern in Objektivationen der Alltagskultur (wie eben z.B. Karikaturen) ihren Niederschlag gefunden haben.
Bei der Auswertung der Bilderbogen gelangt der Autor zu einigen neuen und z.T. überraschenden Erkenntnissen über den Antisemitismus im späten Kaiserreich - so u.a. zum Verhältnis von Religion und Rasse im modernen Antisemitismus, zu Judenfeindlichkeit und politsicher Gewalt, zu den Ursprüngen der Gleichsetzung von Judentum und Bolschewismus, zur Verknüpfung von Antisemitismus und Bismarck- Kult und nicht zuletzt über Max Bewer, den Autor der „Politischen Bilderbogen“, dessen Werk und Persönlichkeit der Forschung bislang offenbar völlig entgangen sind.
Für jeden, der sich als Wissenschaftler oder Laie dem Thema Antisemitismus, bzw. völkische Bewegung im Kaiserreich mit einem sozial- oder kulturgeschichtlichen Ansatz zuwendet, ist dieses Buch eine Pflichtlektüre.
http://www.buchrezension.org/3833435291